Teil 2 – Allgemeine Herausforderungen

1.1 Theologie der Gegner der Verbreitung des Evangeliums unter Juden

Ich kannte manche Juden, die das Christentum angenommen haben. Ich wusste, dass sie ernste Menschen waren. Und trotzdem denke ich, dass das Interesse Christentum gegenüber sie zur Taufe gebracht hat, nur weil sie ihre eigene Kultur und Geschichte nicht ausreichend kannten. (2)

…wenn früher der unmittelbare Gesprächspartner des Allerhöchsten das Volk Israel war, so hat nun diese Stelle die internationale Christengemeinde eingenommen. Und deswegen nennen die Christen sich “das neu Israel”, also das wahre und moderne Israel, was durch seine Existenz den Sinn des jüdischen Volkes auslöscht. (3)

Diese Worte gehören einem Menschen, einem Juden, der in seinem Buch die Ungerechtigkeit der Juden im Glauben an Jesus zu verdeutlichen versucht. Von der anderen Seite habe ich einen Brief der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, der von dem Bundespräsident Prof. Dr. Roman Herzog unterzeichnet worden ist, welcher von demselben handelt – man darf den Juden in keinem Fall über Jesus predigen. Man greift dabei die Evangelisation der Juden auf und äußert dazu: “(…) Solche Vorfälle können nicht als Bagatellen abgetan werden, auch wenn es sich nur um Randerscheinungen handelt und die betreffenden Bestrebungen meist von christlichen Randgruppen ausgehen (…)” (4).

Interessant ist, dass manche Christen, wie z.B. diese, derselben Meinung sind – man darf das Evangelium den Juden nicht bringen. Man könnte sagen, dass es nur die sogenannten Pseudochristen sind – die wahren Christen denken anders, wenn nicht die Tatsache wäre, dass in einer bekannten baptistischen Aussiedlergemeinde ein ebenfalls berühmter Ältester den Gemeindemitgliedern verboten hat, Juden ein Zeugnis zu geben.

Innerhalb von drei Jahren meiner Lehre in der Bibelschule bot ich vielen an, mit ihren Pastoren zu sprechen, sodass man mich in deren Kirchen einlädt, damit ich über die Evangelisation der Juden berichten könnte. In 90% aller fälle wurde es mir mit der Motivation, dass “in unserer Kirche die Evangelisation der Juden nicht für ‚richtig’ gehalten wird und überhaupt kein Thema ist”, verweigert.

Von den Gemeinden, die Israel lieben, so etwas gibt es in christlichen Kirchen manchmal, pflanzen die einen Bäume in Israel, andere opfern Geld, um die armen Juden kostenlos nach Israel zu bringen, die nächsten beten für die Regierung und die Beziehung zu den Arabern, eine ganz kleine Gruppe denkt darüber nach, wie man Juden mit dem Evangelium am besten erreichen kann und nur einzelne Personen tun es tatsächlich. Die Frage, die sich aufzwingt lautet – “was ist die Ursache für das Ganze?” Und die Antwort ist leicht – die Christen haben sich so weit gewöhnt, sich als das “wahre Israel” zu sehen, dass die Existenz eines anderen Israels in ihren Augen einfach nicht zulässig ist. Ein bekannter Dr. der Theologie sagte zu mir folgendes: “Ich bin nicht gegen die Evangelisation von Juden, aber ich bin gegen messianische Juden!”.

Mit anderen Worten hat er denselben Gedanken ausgelegt – wenn die Juden zu uns in die Gemeinden kommen werden und genauso, wie wir werden, so bin ich nicht dagegen. Denn so sind wir das auserwählte Israel. Doch wenn sie Juden bleiben – wie steht es dann mit uns? In christlichen Gemeinden predigend, fange ich seit einiger Zeit meine Predigten mit folgenden Worten an: “Ich glaube nicht, dass die Juden besser als die Heiden sind”. Denn es passiert sehr oft, dass nach Predigten, in welchen ich dieses Thema überhaupt nicht angerührt habe, sondern die Menschen zur Evangelisation der Juden und zum Gebet dafür aufrief, zu mir Menschen kamen und sagten: “Die Juden sind nicht besser als die Heiden!”. Doch ich habe überhaupt nicht über dieses Thema gesprochen – woher diese Folgerung?

Und die Antwort ist leicht: es ist die Eifersucht, von welcher Paulus schrieb, jedoch nicht nach Erkenntnis. Die Folge der Erkenntnis – man spricht mit Juden über Jesus überhaupt nicht. Und trotzdem kommen Juden zum Glauben an Jesus.

1.2 Vorstellungen mancher Christen und die jüdische Evangelisation

Als wir Räumlichkeit für unsere Versammlungen gesucht haben, bekamen wir ständig eine Gegenfrage: “Welche Beziehungen haben Sie mit orthodoxen Juden?”. Interessanteweise stellten diese Frage nicht Katholiken oder liberale Lutheraner, sondern progressive Freikirchler. Natürlich versuchten wir alles deutlich zu erklären, nämlich, dass wir allen Juden das Evangelium verkündigen wollen. Als ein Ergebnis des Gesprächs, hörten wir immer wieder “Nein!” mit der kleinen Erklärung, dass man Angst hat, durch uns die mit großer Mühe aufgebaute Beziehungen mit orthodoxen Juden zu brechen.

Eines Tages besuchte uns eine ganze Delegation einer christlichen Gemeinde unserer Stadt. Am Ende unserer Unterhaltung sagte der Leiter der Gemeinde: “Wenn es wirklich nötig wäre den Juden das Evangelium zu sagen, müssten es selber Juden machen. Für uns, für die deutschen Christen, ist aufgrund unserer früheren Verhältnisse mit dem jüdischen Volk dies verboten.”

“Russische orthodoxe Juden haben beschlossen, gegen jüdisch-christliche Sekten zu kämpfen. Als Aufseher für ihre Einsätze luden sie Repräsentanten der russisch – orthodoxen Kirche ein.” (5)

Ein Pastor einer sehr konservativen russischsprechenden Baptistengemeinde besuchte eine der von uns gegründeten messianischen Versammlungen. Am Ende des Gottesdienstes teilte er mit einigen Besucher sein Erlebnis: “Es war gut. Man muss nur ganz vorsichtig sein, um nicht in die Gesetzlichkeit zu fallen”.

Diese Beispiele sind meiner Meinung nach die Reaktionen verschiedener Christen. Man versucht theologisch oder irgendwie anders die Entstehung messianischer Gemeinden zu prüfen und dort entweder viele Fehler entsprechend dieser Theologie, oder einfach etwas, was persönlich nicht passt, zu finden. Davon ausgehend, sieht man in der messianischen Bewegung keine Verwirklichung des Planes Gottes und deswegen predigt man gezielt den Juden auch nicht das Evangelium. Ich bin vollkommen davon überzeugt, dass eine jede menschliche Tätigkeit, besonders die in seinem Glauben oder zumindest in seiner Religion vom Vorschein kommt, ihren Ursprung in der Geschichte hat. Und sehr oft passier es, dass solche Menschen, die von diesem Ursprung geprägt sind, sich dementsprechend verhalten ohne zu verstehen, woher sie es haben.

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